Frankfurt: 65.000 Menschen müssen Häuser verlassen / Bombe erfolgreich entschärft

Frankfurt – Mit einer Verzögerung von zweieinhalb Stunden begann die Entschärfung. Am Ende überwog aber die große Erleichterung. „Es ist geschafft!“, twitterte die Polizei um 18.31 Uhr. Den 65.000 Bürgerinnen und Bürgern fiel in dem Moment ein Stein vom Herzen. So zahlten sich die intensiven Vorbereitungen aus. Nicht nur Einsatzkräfte aus Frankfurt beteiligten sich an der größten Evakuierungsaktion der deutschen Nachkriegsgeschichte, sondern Helfer aus ganz Hessen kamen zur Unterstützung. Trotz der ärgerlichen Vorkommnisse -verursacht durch einige Menschen- zogen alle Verantwortlichen ein sehr positives Fazit. Der Dank galt vor allem den Hilfsorganisationen, dem Kampfmittelräumdienst und den Anwohnern.

Wie fing aber alles an? Am Dienstagnachmittag (29.08.) wurde bei Sondierungsarbeiten auf einer Baustelle in der Wismarer Straße die 1,8 Tonnen schwere Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um eine Luftmine des Typs HC-4000. Im Innern versteckten sich alleine 1,4 Tonnen Sprengstoff, sodass die Experten eine baldige Entschärfung anstrebten. Die Vorbereitungen liefen an. Welches Gebiet müssen wir räumen? Wie viele Menschen sind betroffen? Werden Transporte benötigt? Wo richten wir Unterkünfte ein? Wie sieht der Zeitplan aus? Fragen über Fragen, mit denen sich die nächsten Stunden und Tage Feuerwehr, Polizei und Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit dem Kampfmittelräumdienst des Regierungspräsidiums Darmstadt beschäftigten. Bald war klar: Es wird sich um einen sehr umfangreichen Kraftakt handeln – eine Ausnahmesituation!

Krankenhäuser und Altenheime geräumt

Bereits am Samstag steuerten zahlreiche Rettungs- und Krankentransportwagen sowie weitere Spezialfahrzeuge die beiden an der festgelegten Sperrzone liegenden Krankenhäuser an. Alleine aus dem Bürgerhospital galt es, über 140 Patienten zu verlegen. Mehrere Frankfurter Krankenhäuser erklärten sich ohne lange Diskussionen bereit, diese über das Wochenende aufzunehmen. Die Besonderheit des Bürgerhospitals bestand darin, dass es über die größte Geburtsstation Hessen verfügt. Ebenfalls geräumt werden musste das St. Marienkrankenhaus. Den ganzen Tag über arbeiteten etwa 600 Einsatzkräfte von Berufsfeuerwehr, Freiwilliger Feuerwehr und Rettungsdiensten diese Aufgabe ab. Hinzu kamen weitere 330 Menschen, die aus zehn Alten- und Pflegeheimen stammten. Auf zwei Pressekonferenzen wurde im Vorfeld die Öffentlichkeit informiert. Alle machten deutlich, wie wichtig es ist, die komplette Sperrzone mit ihrem 1,5 Kilometer-Radius menschenleer zu räumen. Die Gefahr der Bombe durfte keinesfalls unterschätzt werden.

Nun wurde es ernst: Ab 6 Uhr startete offiziell die Evakuierung. Der Sonntagmorgen begann für die vielen Einsatzkräfte also sehr früh. Und auch die Bevölkerung musste raus aus den Betten. Bis 8 Uhr sollte das Gebiet geräumt sein. Polizeibeamte in vierstelliger Zahl liefen Straße für Straße ab, klingelten an den Wohnungen, hielten nach Auffälligkeiten ausschau. Geplant war, dass die Entschärfung ab 12 Uhr beginnen sollte. Daraus wurde aber nichts. 298 Mal erteilte die Polizei Platzverweise. Ein Großteil der Bevölkerung nahm die Situation ernst, aber einige verweigerten, den Evakuierungsbereich zu verlassen. Aufgrund einer von der Stadt Frankfurt herausgegeben Allgemeinverfügung konnte sogar Zwang angewandt werden. Fünf Menschen nahm man daher -Gespräche führten nun einmal nicht zum Erfolg- in Gewahrsam. Darüber hinaus mussten wegen gegebenen Anhaltspunkten 19 Wohnungstüren geöffnet werden. Ein Hubschrauber, der wegen Nebel erst später abheben konnte, kontrollierte die Zone mit einer Wärmebildkamera. Erst dann gab die Einsatzleitung dem Kampfmittelräumdienst grünes Licht. Jetzt war es 14.30 Uhr.

Entschärfung bringt Herausforderung mit sich

Direkt an der Bombe arbeiteten Dieter Schwetzler und René Bennert. Bereits nach 20 Minuten hatten die beiden Feuerwerker den ersten von insgesamt drei Zündern entfernt. Dann dauerte es etwas. „Alles klappte bei unserem 1. Versuch. Bei den nachfolgenden Zündern blieb bei deren Entfernung jedoch der Detonator stecken. Dieser musste daher separat gezogen werden“, erklärte Bennert. Nachdem auch dies ohne Zwischenfälle gelang, sprengten wir die Zünder vor Ort. Diese waren nämlich fast wie neu und wären zum Transportieren zu gefährlich gewesen“. Endgültig Entwarnung vermeldete die Polizei Frankfurt um 18.31 Uhr. Bis die britische Luftmine verladen war, blieben die Sperrungen weiterhin aufrechterhalten. Eine dreiviertel Stunde später konnten zunächst Fußgänger und Radfahrer und kurz darauf auch Autofahrer die Örtlichkeiten wieder nutzen. Der öffentliche Personennahverkehr nahm ebenso seinen Betrieb Schritt für Schritt auf.

Im Rahmen einer Abschlusspressekonferenz zogen die verantwortlichen Personen ein sehr zufriedenes Fazit. „Während meiner ganzen Dienstzeit war diese Lage die größte Herausforderung. 24 Stunden arbeitete der Führungsstab. Und weit über 30.000 Anrufe nahmen die Kollegen am Bürgertelefon entgegen“, schilderte Prof. Reinhard Ries. Der Direktor der Branddirektion (Feuerwehr Frankfurt) lobte das unverbesserliche Engagement der Einsatzkräfte – „Bis in die Nacht hinein wurden Patienten in Krankenhäuser und Altenheime zurücktransportiert. Manche Helfer gingen bis an ihre Grenzen“. Nach Aufhebung der Evakuierung standen 740 Transporte an – 240 Fahrzeuge waren im Stadtgebiet unterwegs. Vor der eigentlichen Aktion lag der Schwerpunkt für die Feuerwehr im Bereich Kommunikation. „Wir haben Vollgas geben müssen. Auf allen Ebenen scheint dies uns gelungen zu sein“, betonte Ries. Besonders über Twitter und die Homepage hielten die Brandschützer -sowie die Polizei- die Bevölkerung umfangreich auf dem Laufenden. Als Bereitstellungsraum für sämtliche Einsatzfahrzeuge galt die A 66 im Bereich Frankfurt-Miquellallee.

Nicht jeder verließ die Sperrzone

Ordnungsdezernent Markus Frank dankte ebenfalls den Beteiligten und kündigte an, dass Polizei und Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen diejenigen aufnehmen werden, welche sich nicht an die Vorgaben hielten. Daher verzögerte sich die Entschärfung um ganze zweieinhalb Stunden. „Die meisten haben die Warnung ernst genommen, aber nicht jeder. Wäre es zu einer Detonation gekommen, hätte die Druckwelle extreme Schäden angerichtet“, sagte Frank. Sowohl die Messehalle als auch die Jahrhunderthalle wurde als Unterkunft hergerichtet. Erfahrungsgemäß nutzen etwa 10 Prozent der Betroffenen bei solchen Maßnahmen diese Möglichkeiten. Während man also für 7.000 bis 8.000 Menschen Plätze vorhielt, verzeichneten die Einsatzkräfte gerade einmal knapp 300 Leute. Die meisten kamen bei Verwandten und Nachbarn unter oder unternahmen einen Ausflug.

Betroffen von der Evakuierung waren ebenso das Polizeipräsidium Frankfurt und der Hessische Rundfunk. Da das Funkhaus in der Sperrzone lag, mussten die Mitarbeiter improvisieren. Ab 6 Uhr sendete das hr-fernsehen fast am Stück ein Live-Programm und berichtete über das eine Thema, was die Menschen an diesem Tag bewegte – die Weltkriegsbombe! Ein „Fernsehstudio“ richtete der Sender auf dem Gelände der Berufsfeuerwehr Frankfurt ein. Hier platziert war auch der Übertragungswagen und reichlich Technik. Aus Kassel sendeten die Hörfunkwellen hr1, hr3 und hr4 erstmals ein gemeinsames Programm. Oberbürgermeister Peter Feldmann, Innenminister Peter Beuth und Ministerpräsident Volker Bouffier lobten das Engagement von Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei und Technischem Hilfswerk. Für die hervorragende Arbeit sprachen sie dem Kampfmittelräumdienst ein Dankeschön aus. „Entlang der Absperrungen erhielten unsere Polizisten Kaffee, Kuchen und Snacks von den Bürgern, um die langen Stunden zu überstehen und diese süßer zu machen. Das zeigte uns, dass wir mitten in der Gesellschaft stehen. Das erleben wir nicht so häufig“, verdeutlichte Polizeipräsident Gerhard Bereswill. Alles in allem eine super Sache!!!

Bilder: Polizei Frankfurt; Feuerwehr Frankfurt; Deutsches Rotes Kreuz Bezirksverband Frankfurt; Deutsches Rotes Kreuz Kreisverband Offenbach; Johanniter-Unfall-Hilfe Rhein-Main; Malteser Hilfsdienst Frankfurt, Deutsches Rotes Kreuz Gründau-Rothenbergen, Technisches Hilfswerk Frankfurt; Technisches Hilfswerk Landesverband Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland; Twitter (Katrin Kimpel)
Text: Daniel Klier (Feuerwehren Metropolregion Rhein-Neckar)

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